14. September 2014 Julia

Illustrator auf Lebenszeit

Wenn man einmal mit Illustrationen angefangen hat, dann hört man doch auch nie wieder auf, oder?

Wer lange zeichnet, kritzelt viel.

„Mal eben schnell ’ne Zeichnung für die Zeitschrift machen“, ist leicht gesagt. „Mal fix ’n Cover für die Ausgabe, die Übermorgen in den Druck soll.“, höre ich genauso oft wie: „Ich brauch ganz schnell ’n Plakat für meine Veranstaltung, am besten bis morgen, geht das?“.

Als „Grafik-Hiwi“ muss alles ganz schnell gehen, es sind ja nur ein paar Striche, ein paar Klicks und das Layout ist doch sowieso ganz einfach und schlicht, das kann ja alles nicht lange dauern. Verkorkste Verkettungen in Indesign sind doch mit einem Fingerschnipp neu sortiert und fehlende Verknüpfungen rauben genauso wenig Zeit wie diese „mach mal einfach wie du meinst“-Angaben (bei denen dann natürlich hinterher Seitenweise Änderungswünsche folgen).

Zeichnungen und Illustrationen begleiten mich nun schon wirklich seit ich denken kann. Es fing an mit ungeliebten Kritzeleien in Papas Büchern, ging über Buntstift an der Wand und erstreckt sich jetzt auf Photoshop, Indesign und Illustrator. Und natürlich alles ganz schnell. Egal ob mit Bleistift, Fasermaler (ja, so nennt man Filzstifte auch), Tinte oder digital, ob auf Papier oder nur im Web… Dass so etwas Zeit, Nerv und Kreativität braucht, wird gerne mal vergessen. Dass es ’nur‘ 3000 Illustratoren in Deutschland geben soll, wundert mich dann zwar, aber gut, warum denn nicht.

Aufträge gibt es wie Sand am Meer, vielleicht sogar noch ein wenig mehr. Bezahlt werden sollen davon aber nur außerordentlich wenige. Und wenn, dann auch noch (gelinde gesagt) ziemlich schlecht.

Im weiter unten verlinkten Artikel von SpiegelOnline stehen Honorare, die mich tatsächlich erstaunt haben. CD-Cover für 500-800Euro. Wow, ich hab dafür Quengeleien und ein maues ‚ja cool danke‘ bekommen. Titelseiten 1200-1500Euro… Auch wenn man bedenkt, dass es keine Große Zeitschrift war; die Differenz zwischen 0 und 1200 Euro ist doch wahrlich beträchtlich.

Mal abgesehen von unzähligen Grafiken, die ehrenamtlich oder aus eigener Intention für andere entstanden sind, ich muss sagen, mit Grafiken habe ich bisher reichlich wenig für meinen Lebensunterhalt getan. Ein ‚Festgehalt‘ von weit unter 400€ für eine Arbeit, die augenscheinlich niemand anders sonst kann oder will, erinnert mich nicht nur beim ersten Gedanken an Gastarbeiter, die ungeliebte Arbeit verrichten und dafür einen herzlichen Tritt in den Allerwertesten bekommen.

Kreativität ist Mangelware, die seltsamerweise schlecht bezahlt wird. Kreativität ist aber auch nicht das einzige, was einen Grafiker ausmacht, es ist vor allem auch die lange Übung und die Schulung des Blickes, stetige Neugier und Experimentierfreudigkeit. Wenn ich bedenke, dass meine „Ausbildung“ vom 2. Lebensjahr bis jetzt andauert und noch lange nicht beendet sein wird, dann frage ich mich, wie schlecht müssten eigentlich Leute bezahlt werden, die in 3 Jahren einen Bachelor machen?

Ich will gar nicht zynisch sein, ich weiß, dass es Phasen mit mehr oder weniger intensiver „Lernkurve“ gab, aber um etwas ein Leben lang zu verfolgen, sei es nun Illustration, Einradfahren oder Kirschkernweitspucken, gehört eine Menge Disziplin und die wird einem durch Nicht-Bezahlung ziemlich erschwert.

Das war dann wohl das Wort zum Sonntag. Vielen Dank an O.H. für den Link.

Illustrator als Beruf – Spiegel Online.de

 

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Comments (2)

  1. Hey Julia!

    Oh man, ich dachte nicht, dass mir jemand so tief aus der Seele und dem Herzen sprechen kann. Viele wissen es einfach nicht zu würdigen, was da eigentlich für Arbeit hintersteckt. Eine Grafik oder Illustration ist wirklich eine Herzenssache, genauso wie Webdesign, wenn es wirklich etwas ganz persönliches ist.

    Wir brauchen wieder mehr Anerkennung und Wertschatzung für unsere Arbeit. Denn die ist wirklich mehr als nur 50 Euro wert. Sie ist eigentlich unbezahlbar, vorallem für die, die überhaupt kein Sinn und Gespür für Design und Kunst haben.

    Danke, für diesen wundervollen Beitrag!
    Jacky

    • Hey Jacky,
      danke für deinen lieben Kommentar. Ja, das stimmt, man muss dringend wieder weg von der Illusion, dass jeder das könne, sobald er einen Stift halten oder seinen Rechner hochfahren kann. – Wir sagen immerhin auch nicht, dass wir Brücken berechnen können, weil wir wissen, wo der Taschenrechner an geht 😀

      Alles Liebe,
      Julia

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